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Mai 2017

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Das verschlossene Fenster (Susanne-Faschon-Preis)

Tabea Reinelt

 

 

Diesiges Wetter. Seit Tagen hatte ich keine Sonne mehr gesehn. Und immer nur diese grässlichen Gardinen im Blickfeld. Ich wünschte Grete hätte sie vor ihrem Tod abgehangen!

Aber ihr hatten sie ja gefallen. Sie hatte sie selbst gehäkelt oder wie auch immer man diesen Frauenkram bezeichnet. Und deshalb muss ich sie jetzt den ganzen Tag anstarren. Aber immer noch besser als keine Gardinen! Ohne Gardinen hätten mich diese ganzen nervigen, unerträglich lauten, schrecklich lebendigen und ach so lebensfrohen oder auch manchmal aggressiven Menschen vielleicht genauso angestarrt wie ich es mit ihnen tue. So wie es jetzt ist, ist es gut. Ich starre. Merkt ja keiner. Stört ja auch keinen. Und ich hab was zu tun. Aber wie gesagt ist das Wetter schlecht. Und das ist gar nicht gut.

Da tun mir immer die Knochen weh. Und ich bekomm so schreckliche Gedanken. Wie nicht mehr leben wollen.

Aber eigentlich will ich das ja.

Sonst kann ich gar nicht mehr hier in meinem Schaukelstuhl sitzen. Der hat sich doch mittlerweile meiner Hinternform perfekt angepasst. Und wer schaut dann dieser unverschämten Frau zu, die neu in der Nachbarschaft wohnt und ihren Hund dreimal täglich in meinem Vorgarten zum Geschäft verrichten ausführt.

Ich glaube sie denkt da wohnt keiner. Dann störts ja auch keinen.

Aber sie sieht mich ja auch nicht.

Da sind immer noch die Gardinen. Ich glaube es ist eine Hassliebe zwischen den Gardinen und mir. Ich hasse ihren Anblick. Brauche sie aber um nach draußen schauen zu können. Um mich zu verstecken. Um diese Menschen zu beobachten, die so ganz anders zu sein scheinen als ich. Aber sie sitzen auch nicht den ganzen Tag und schauen.

Und wenn ich ganz ehrlich sein darf, ist es auch in Ordnung, dass die Nachbarin ihren Hund in meinem Vorgarten ausführt. Weil der Hund ist schön. So einen hatte ich auch mal als ich klein war...

 

 

 

 

Wie es weitergeht, können Sie in unserer Anthologie nachlesen